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Buchbesprechungen.

Renate Stauf: Heinrich Heine. Gedichte und Prosa. Klassikerlektüren Band 13. Berlin: Erich Schmidt Verlag 2010, 261 Seiten


Renate Stauf legt in der Reihe Klassikerlektüren des Erich Schmidt-Verlags eine Einführung in das Werk des „unbequemen Klassikers“ Hein¬rich Heine vor, die den Anspruch hat, einer¬seits einen Überblick zu geben und eine Orientierungshilfe für Erstleser zu sein, andererseits bereits einen tiefer gehenden Blick auf Werk, Schaffen und Person Heines zu werfen, um diesen in Form eines Wieder- und Neu-Lesens kritisch zu be¬gegnen. Auf die Problematik der ‚boomenden Heine-Forschung‘ und die dabei entstehende Gefahr der „Verharmlosung“ eines ganz und gar nicht harmlosen Dichters, der sich jedes Vorhaben, Heines Werk in seiner Ak¬tualität, Komplexität und Widersprüchlichkeit zusammenfassend darzu-stellen, ausgesetzt sieht, weist die Autorin ausdrücklich hin. Sie will kei¬nen geglätteten Überblick eines Dich¬ters geben, sondern Heine und sein Werk mit allen Ecken und Kanten vorstellen und so „das Bewusstsein für die ‚Wunde Heine‘ (Adorno) wach“ halten.
Stauf zeigt die verschiedenen Facetten in Werk und Persönlichkeit Heines und seine im Laufe  des Lebens wechselnden Ansichten bezüglich Politik, Religion und Gesellschaft an¬schaulich auf und verdeutlicht so die für ihn typische Einheit des Unver¬einbaren, die ihm oftmals den Vorwurf fehlenden Charakters eingebracht hat und doch eher als Zeichen von le¬benslanger Selbsttreue gedeutet werden sollte. Ebenso macht sie aber auch die über die Jahre hinweg gleich bleibenden Leitbegriffe (Revolu¬tion, Emanzipation, Frei¬heit, Kunst) als Fixpunkte von Heines Denken kenntlich. Der Aufbau des Buches orientiert sich an themati¬schen Aspek¬ten, wobei der rote Faden der „poetischen Zeitgenossenschaft“ niemals verloren geht.
So werden etwa Heines lyrische Arbeiten, das Buch der Lieder, die Neuen Gedichte und der Romanzero, im großen Kapitel Gedichte nach¬einander besprochen, auch wenn Jahrzehnte zwischen ihnen liegen. Die-ses Vorgehen betont einerseits Diffe¬renzen und Berüh-rungspunkte der jeweils gattungsgleichen Texte, anderer¬seits gewährt es insgesamt einen sehr geordneten und verständlichen Überblick über das komplexe Ge-samt¬werk Heines, den rein chronologische Werkgeschichten, trotz schein-bar zeitlich leichter nachvollziehbarer Zusammenhänge, oft vermissen lassen. Ein besonderes Augenmerk lenkt Stauf dabei auf  den bisher „wenig beachteten Erzähler und Autobiogra¬phen“ Heine.
Schon in der Einleitung in das vielschichtige ‚Forschungsfeld Heine‘, die nicht immer ein¬deutigen „Selbstbestimmungen“ des Autors und seine Arbeitsweise als Zeitschriftsteller, die eine Annäherung an den Begriff der ‚poetischen Zeitgenossenschaft’ erfordert, erfährt der Leser von der Ge¬spaltenheit des Dichters, vom Kampf des europäischen Intellektuellen für die „großen Aufgaben der Zeit“, in dem die Worte seine Waffen sind, von seiner Vorstellung von Kunst, von der Funktion der Literatur, von der Aufgabe eines modernen Schriftstellers und  von seiner Idee eines geein¬ten Europas. Die Gegenwart dient dabei immer wieder als Bezugs-, Aus-gangs- und Angelpunkt. Das folgende Kapitel betrifft Heines Lyrik und weist den vielseitigen Dichter als einen gewandten Wortkünstler aus, der mit unbestechlichem ästhetischen Gespür Stimmungen zu schaffen und zu zerstören wusste und somit vollendete Kunstwerke der Widersprüch¬lichkeit schuf. Stauf betont dabei „die Ästhetik des Arrangements“ und den inneren Zusammenhang der Texte, der für ein tieferes Verständnis der einzelnen Gedichte oft erst erkannt und hergestellt werden muss. Sie zeigt auf, dass die Stellung der einzelnen Stücke im jeweiligen Gesamt¬zyklus bei einer eingehenden Betrach¬tung immer mitgedacht werden muss.

 


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