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Moderne Zeiterfahrung und Globalisierung.

Zeitbilder und -konzepte in der Literatur und Kultur der europäischen Avantgarden


Im Folgenden möchte ich verschiedene moderne Zeitkonzepte und deren Darstellungen in Literatur und Kunst vorstellen, die hauptsächlich aus dem Zeitraum der historischen Avantgarden zwischen 1900 und 1930 stammen. Im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert kommt es, wie sich anhand unterschiedlicher literarischer und ästhetischer Quellen beobachten lässt, zu einer erhöhten Aufmerksamkeit auf Zeitphänomene und, damit verbunden, zu einer verschärften Zeitwahrnehmung.[1] Das neuartige Interesse an Aspekten der Zeit als einer typischen Erscheinungsform der Moderne bleibt dabei nicht etwa national oder regional beschränkt, sondern weist eine internationale Reichweite auf. Zeitphänomene werden – besonders im Umkreis der europäischen Avantgarden um und nach 1910 – wahrgenommen als Teil einer zunehmend international vernetzten modernen Weltkultur. Dabei kristallisieren sich in der Literatur und Kunst bezeichnenderweise nicht allein neue mentale Dispositionen und Denkweisen heraus, sondern es entstehen auch modernetypische Zeitbilder und Symbole, deren Auftreten zumeist an eine spezifische, urbane Raumkonstellation gekoppelt ist. Bevorzugter Ort der Verzeitlichung ist die moderne Großstadt, die urbane Lebenswelt, in der sich auch der technologische Fortschritt am deutlichsten niederschlägt.

Der Historiker Reinhart Koselleck hat indes schon für die Epoche um 1800 einen nachhaltigen Prozess der Verzeitlichung und Beschleunigung aller Lebensbereiche diagnostiziert,[2] dessen Entstehung er auf tiefgreifende mentale, politische, technologische Veränderungen zurückführt wie die Kopernikanische Wende, die Entdeckung neuer außereuropäischer Kontinente und Völker sowie die Auflösung der alten Ständegesellschaft als Elemente eines allgemeinen Fortschritts.[3] Um 1900 kommt es nun zu einer Radikalisierung und Intensivierung moderner Zeitwahrnehmung und Beschleunigungserfahrung, die insbesondere in Literatur und Kunst mit besonderer Prägnanz zur Darstellung gelangen, aber auch in der eben erst im Entstehen begriffenen Kulturwissenschaft thematisiert werden. Verzeitlichung und Beschleunigung werden zunehmend als globale Erscheinungsformen verstanden und beschäftigen gleichzeitig die unterschiedlichen Vertreter der sich um 1910 formierenden literarischen und künstlerischen Avantgardeströmungen.

Wichtige wissenschaftliche Gewährsleute für die Diagnose einer neuen spezifisch modernen Zeiterfahrung um und nach 1900 sind in Deutschland die Kultursoziologen Georg Simmel und Max Weber. Sie beschreiben und erörtern modernetypische Zeitphänomene aus kulturwissenschaftlicher Sicht. Zugleich sind sie interessierte Beobachter des zeitgenössischen Literatur- und Kunstbetriebs. Ihre Überlegungen sind daher auch – wie wir sehen werden – für die modernen Schriftsteller und Künstler und die Zeitdarstellung in ihren Werken relevant.



[1] Vgl. dazu ausführlich Annette Simonis and Linda Simonis, „Einleitung: Moderne als ‚Zeitkultur’ ?, in: Zeitwahrnehmung und Zeiterfahrung in der Moderne, hg. Annette und Linda Simonis. Bielefeld: Aisthesis 2000, S. 9–15.

[2] Vgl. Reinhart Koselleck: Zeitverkürzung und Beschleunigung. Eine Studie zur Säkularisation. In: ders., Zeitschichten. Studien zur Historik. 2. Aufl. Frankfurt: Suhrkamp 2003.

[3] Neue Zeitkonzepte werden nach Koselleck durch ein Spannungsverhältnis zwischen dem alten allmählich überholten Erfahrungsraum und neuen sich bildenden Erwartungshorizonten generiert: „Es ist die Spannung zwischen Erfahrung und Erwartung, die in jeweils verschiedener Weise neue Lösungen provoziert und insoweit geschichtliche Zeit aus sich hervortreibt.“ Vgl. Reinhart Koselleck: ‚Erfahrungsraum’ und ‚Erwartungshorizont’: Zwei historische Kategorien in: ders.: Vergangene Zukunft, Frankfurt a.M. 1995, S. 349–375, hier S. 158.



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