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Cervantes’ Don Quijote und die Vertreibung der Morisken

Zur verborgenen kulturellen Vielstimmigkeit im Roman des Siglo de Oro


In Cervantes’ Roman Don Quijote weisen die Abenteuer des Helden eine subtile und vielstimmige Erzählstruktur[1] auf. So besteht eine Besonderheit von Don Quijotes Lebensentwurf als fahrender Ritter darin, dass er mit den ihm begegnenden Personen in einen Dialog tritt und sie mit einer spezifischen Fremdheit konfrontiert, womit er ihr einheitliches („monologisches“) Weltbild subvertieren und auf eine Vielfalt hin öffnen möchte. Aus diesem Grund übernimmt Don Quijote mitunter eine gesellschaftskritische Funktion, zumal er während seiner Dialogisierungsbemühungen immer wieder auf Unverständnis trifft und somit wiederum soziale Formen der Ungastlichkeit offenlegen kann, welche sich in einer ablehnenden, bis gewaltsamen Haltung gegenüber dem Fremden artikulieren.

Eine besondere Brisanz erhält diese Abenteuerstruktur, wenn man die historischen Hintergründe des Siglo de Oro, in dem Cervantes’ Roman erschienen ist, berücksichtigt. Gemeint ist der repressive Umgang mit den ethnischen Minderheiten, der aus den Bestrebungen des christlichen Spaniens resultierte, sich aller vermeintlich „fremder“ Einflüsse zu entledigen und eine kulturelle wie religiöse Homogenität herzustellen. Die einschneidendsten Ereignisse, die in diesem Zusammenhang zu nennen wären, sind der Abschluss der Reconquista (die Wiedereroberung der iberischen Halbinsel) im Jahre 1492, sowie im gleichen Jahr die Vertreibung der Juden durch das Alhambra-Edikt, die folgende Zwangskonversion der in Spanien gebliebenen Juden und Mauren und die ab dem Jahre 1609 erfolgende Zwangsausweisung der Morisken.[2]



[1] Vgl. diesbezüglich auch Gerhard Poppenberg: Das Buch der Bücher. Zum metapoetischen Diskurs des Don Quijote, in: Miguel de Cervantes’ Don Quijote. Explizite und implizite Diskurse im Don Quijote, hg. v. Christoph Strosetzki. Berlin: Erich Schmidt 2005 (= Studienreihe Romania Band 22). S. 195-204.

[2] Vgl. Gerhard Poppenberg: Siglo de Oro, in: Spanische Literaturgeschichte, hg. v. Hans-Jörg-Neuschäfer. Stuttgart und Weimar: Metzler 2006. S. 69-123, hier S. 69.


 

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