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Transformierte Geographien in Christian Krachts Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten

1. Transformierte Geschichte – Alternate History

Literarische Texte berufen sich bei der Darstellung von fiktiven Welten auf das Prinzip, dass LeserInnen ihr Wissen von der Welt, in der sie realiter verwurzelt sind,
als Grundlage für die Ordnung und die Orientierung in der fiktiven Welt zu Grunde legen. Sofern im literarischen Text keine Anzeichen für eine Abweichung der
Textwelt von der realen Welt erkennbar sind, können RezipientInnen somit davon ausgehen, dass die Welt des Textes sich prinzipiell nicht von ihrer eigenen Erfahrungswelt unterscheidet. Dieses Prinzip beschreibt Mary-Laure Ryan unter dem Begriff „principle of minimal departure“ in ihrem Werk Possible Worlds, Artificial
Intelligence and Narrative Theory
.
Anzeichen für ein Abweichen von der Textwelt der LeserInnen lassen sich meist schnell identifizieren und können spatialen oder temporalen Charakter haben. RezipientInnen aus dem deutschsprachigen Raum des 21. Jahrhunderts erwarten in einem historischen Roman, der im Italien des 16. Jahrhundert spielt, keine überwiegende Übereinstimmung der Textwelt mit der eigenen Lebenswelt. Allerdings kann selbst in einem Roman, der in der Gegenwart und im Kulturkreis der RezipientInnen angesiedelt ist, der Raum der Textwelt nicht mit dem der realen Welt gleichgesetzt werden. Denn im Roman sind alle Parameter, die die Erzählung ausmachen, von Figuren und deren Handlung über die Zeit bis hin zum Raum, fiktiv – selbst wenn sie Ereignisse darstellen, die historischen Verläufen nachempfunden sind.
Während manche literarische Texte ganz neue Welten erschaffen, die sich offensichtlich von der realen Welt unterscheiden, und andere das „principle of minimal
departure“ ausnutzen, die reale Welt als grundsätzlichen Bezugspunkt nicht oder kaum anpassend, gibt es einige Texte, die ganz explizit auf geographischen Gegebenheiten der realen Welt aufbauen, sie aber gezielt „transformieren“. In der Transformation des Textraums, die als Experiment oder Spiel mit dem Raum gesehen werden kann, wird Platz für Bedeutung und Interpretation geschaffen. Ein bestimmtes kulturelles oder geschichtliches Wissen wird den LeserInnen abverlangt, um einerseits die Grundlage der Transformation erkennen und andererseits die Transformation analytisch einordnen zu können. Nicht gemeint sind hier also solche Transformationen, die zum Zwecke der Verschleierung oder Verfremdung oder in der Funktion eines pars pro toto erfolgen. Die Art von Transformation, die hier gemeint ist, ist eine gewollt erkennbare Transformation, welche die geographische Grundlage der realen Welt mit aufruft.

 


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