Komparatistik Online

  • Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern

Die Welt als Fassade

Kosmischer Schrecken als Angriff auf die Wirklichkeit


„The oldest and strongest emotion of mankind is fear, and the oldest and strongest kind of fear is fear of the unknown.“ Mit diesem Satz eröffnet Howard Phillips
Lovecraft 1927 seinen berühmten Essay „Supernatural Horror in Literature“. In der Phantastik wird oft die Demontage der Erfahrungswirklichkeit durch die Kontaminierung mit dem Wunderbaren thematisiert; die bekannte Welt bekommt Risse, durch die das Unbekannte eindringt.
Radikalisiert wird dies in Konzepten, die die gesamte vertraute Welt als Teil oder als bloße Fassade eines umfassenderen, fremdartigen und erschreckenden Universums denunzieren, das dem Menschen weniger feindlich als vollkommen gleichgültig gegenübersteht. Aus der Konstruktion einer solchen prinzipiellen Verunsicherung von Welterfahrung und Weltwahrnehmung, die praktisch immer mit der Verletzung oder gar Negierung der bekannten Naturgesetze einhergeht, schöpft ein phantastisches Subgenre seine Ideen, das als „kosmischer Horror“ oder „eldritch horror“ („eldritch“ bedeutet soviel wie „fremdartig, unirdisch, übernatürlich, unheimlich, seltsam“) bezeichnet wird und in Lovecraft seinen führenden Vertreter hat. Der Schrecken wird weniger durch physisches Leiden oder Wesenheiten wie Monster oder Geister erzeugt, sondern durch deren oft geradezu metaphysisch anmutende Kontextualisierung in einem Weltbild, welches die Menschheit in Konfrontation mit kosmischen Kräften oder Wesen zur Bedeutungslosigkeit verurteilt. Weil auf diese Weise ein „happy end“ im Sinne des Überwindens der Gefahr negiert wird, das Heil hingegen eher in fehlendem Wissen um derlei Zusammenhänge liegt, hat eine kosmische Horrorgeschichte zwangsläufig einen pessimistischen, nihilistischen oder antievolutionären Zug.
Es geht also um die Integration der eigenen Welt in eine fremde, was auch die Transformation der eigenen Welt bedeutet. Die zentrale Figur hierfür ist die der Schwelle, der Grenzüberschreitung, des Übergangs . Sie markiert den Ort, an dem das Universum zur Kippfigur wird: eine geordnete, stabile und verständliche Welt
verwandelt sich schlagartig in einen Raum des Unbekannten, Unheimlichen und Unmenschlichen. Hier wird die kopernikanische Kränkung, die den Menschen aus
dem Mittelpunkt des Weltalls verstieß, zu dessen vollständiger Marginalisierung radikalisiert. Gleichzeitig ist die Schwelle der semantische Ort, an dem die Erzählungen
erst einen eindeutig phantastischen Kurs einschlagen, wo das Realitätssystem der Erfahrungswelt in das phantastische oder wunderbare Realitätssystem überwechselt.

 


Bei Interesse finden Sie den Volltext des Artikels als PDF-Datei im Download-Fenster auf der rechten Seite.