"Ya mira como a testigos aora a los que por la noticia lo serán después". Selbstbeobachtung als moralistische Praxis in Graciáns Oráculo manual

  • Annika Nickenig
Schlagworte: Gracián y Morales, Baltasar, Oráculo manual y arte de prudencia, Ethik

Abstract

In dem von thematischer Heterogenität geprägten Werk Oráculo manual y arte de prudencia (1647) bildet das untergründige Wechselverhältnis von Wahrheit und Lüge den zentralen Leitgedanken. In dem vielzitierten aforismo 13 reflektiert Baltasar Gracián die Problematik der Täuschung und konstatiert, dass die Aufrichtigkeit  in Gestalt des Betrugs auftreten kann und dass die eigentliche und die fingierte Absicht einander zum Verwechseln ähnlich sehen. Dies lässt nicht nur die einzelne Situation zum Verwirrspiel werden, sondern stellt überdies die Möglichkeit einer klaren Unterscheidbarkeit von Wahrheit und Täuschung grundsätzlich in Frage. Die hier zu Tage tretende epistemologische Problemstellung gewinnt aber erst in der Übertragung auf den Bereich der Handlungspragmatik ihre komplexe Mehrdeutigkeit. Die im Handorakel vorgestellte arte de prudencia besteht in der ambivalenten Gleichzeitigkeit aus taktischer Beobachtung der Außenwelt und dem  stets mitgeführten Bewusstsein, selbst Gegenstand kritischer Beobachtung und Beurteilung zu sein. Der Höfling, dem das Oráculo manual zur Orientierung im  gesellschaftlichen Ränkespiel am Hofe an die Hand gegeben wird, hat daher eine zweipolige Aufgabe zu verfolgen: Auf der einen Seite muss er die Gabe besitzen, seine Mitmenschen mit „Scharfblick und Urteil“ zu ergründen und durch gezielte Beobachtungen ihr Innerstes zu entziffern; auf der anderen Seite muss er, um seine Ziele zu erreichen, die eigenen Absichten und Beweggründe verbergen oder sogar verstellen. Die Verknüpfung von Sehen und Wissen wird auf diese Weise zu einem strategischen Kerngedanken des Textes.

Veröffentlicht
2014-01-02
Rubrik
Artikel