Eine Autobiographie des Körpers
Goliarda Sapienzas L’arte della gioia
Abstract
Dieser Beitrag analysiert Goliarda Sapienzas L’arte della gioia als eine besondere Form des Life Writing, in welcher der Körper die zentrale Rolle übernimmt – nicht als Objekt der Darstellung, sondern als epistemisches Zentrum der Erzählung. Indem ich diese fiktionale Autobiographie als eine Narration des ‚Lebens des Körpers‘ definiere, betone ich die politischen Implikationen eines solchen literarischen Projekts. Ich rekonstruiere Sapienzas politisches Engagement sowie ihre Begeisterung für die Idee einer kulturellen Revolution, wie sie von Herbert Marcuse in seinen Entwürfen einer neuen Ästhetik und einer neuen Sensibilität (new sensibility) in One-Dimensional Man (1964) und An Essay on Liberation (1967) interpretiert und programmatisch formuliert wurde. Zugleich zeige ich, wie L’arte della gioia seine ästhetische Struktur um das körperliche Leben Modestas organisiert – der irreverenten, ungezähmten und durchweg revolutionären Heldin des Romans. Marcuses ästhetisches Programm, verdichtet im Begriff der Befreiung (Liberation), prägt Modestas Ablehnung traditioneller Werte und sozialer Strukturen ebenso wie ihre Neuorientierung interpersonaler und existenzieller Ziele an den Bedürfnissen und dem Begehren ihres Körpers. Der Roman realisiert somit jene kulturelle Revolution, an die Sapienza glaubte und deren Scheitern sie in der institutionellen Politik beobachtete. Sein radikales Potenzial wurde durch die jahrelangen Verlagsablehnungen indirekt bestätigt; der Roman erschien schließlich erst posthum.
