Liebe im Korsett des Sonetts. Die Sonette von Louise Labé und Elizabeth Barrett Browning in neuer Übersetzung von Ingeborg Vetter

  • Evi Zemanek
Schlagworte: Browning, Elizabeth Barrett, Labé, Louise, Sonett, Übersetzung, Rezension

Abstract

Rezension zu: „... ganz allein nur um der Liebe willen“. Elizabeth Barrett Browning, Sonnets from the Portuguese. Sonette aus dem Portugiesischen, übersetzt von Ingeborg Vetter, mit einem Vorwort von Ina Schabert, Edition SIG-NAThUR, Dozwil/TG Schweiz 2012. ISBN 978-3-908141-86-0

und

„so viele Fackeln mir, die ich schon brenne“. Die 24 Sonette der Louise Labé, übersetzt von Ingeborg Vetter, mit einem Vorwort von Ursula Hennigfeld, Edition SIGNAThUR, Dozwil/TG Schweiz 2012. ISBN 978-3-908141-72-3

Rainer Maria Rilke übertrug sie beide ins Deutsche: Im Jahr 1907 veröffentlichte er die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts verfassten 44 "Sonnets from the Portuguese" der Elizabeth Barrett Browning und 1917 erschienen die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts entstandenen 24 Sonette der Louise Labé. Seine Versionen prägten bis heute den Eindruck beider Werke beim deutschsprachigen Publikum. Rund hundert Jahre später nahm sich nun Ingeborg Vetter der Sonette beider Dichterinnen an und bietet deutschsprachigen Lesern eine gelungene Alternative. Zwar wurden die Sonette von Labé und Barrett Browning in der Zwischenzeit auch von anderen Übersetzern verdeutscht, doch niemand sonst übertrug beide. Obwohl dreihundert Jahre zwischen ihnen liegen, sind sich die Liebesgedichte der Dichterinnen in ihren Originalsprachen auch jenseits der gemeinsamen Sonettform in ihrer Semantik, Rhetorik und Bildlichkeit ähnlich, denn beide stehen in der Nachfolge Petrarcas – auch wenn im einen Fall Shakespeare als zweite Bezugsgröße hinzukommt. In beiden Sammlungen ergründet je eine weibliche Liebende in vielerlei sprachlichen Variationen den Geliebten und die Natur der Liebe. Obgleich sie Petrarca und andere Petrarkisten trickreich zu überbieten sucht und sich als weibliche Sprecherin von der männlichen Masse absetzt, ist Labé noch stärker in der petrarkistischen Topik verhaftet: Man denke an das katalogische, ana­phorisch-parallelistisch gestaltete Schönheitslob ("O beaus yeus bruns, ô regards destournez...") im zweiten Sonett. Viel bekannter ist aber das achtzehnte mit dem Aufruf zum Kuss oder zur Vereinigung (B"aise m'encor, rebaise moy et baise..."), dessen Zweideutigkeit zwar in Übersetzungen verloren geht, dem andeutungsweise frivolen Gedicht aber im Original zu großer Beliebtheit in der Populärkultur verholfen hat. Ebenso wie man zahlreiche Vertonungen desselben auf YouTube findet, entdeckt man auf der Plattform Rezitationen von Barrett Brownings berühmtem, strukturell auch katalogisch gestalteten Sonett Nummer dreiundvierzig ("How do I love thee? Let me count the ways...") – ja es wird sogar in einer Folge der "Peanuts" zitiert.

Veröffentlicht
2012-01-01
Rubrik
Rezension