Das Berühren der Erinnerung

Praktiken der Erinnerungskultur Goethes

  • Gudrun Püschel

Abstract

Ein Buch wird dank der emphatischen Dedikation zu einem fetischisierten Handlungsträger in der Ferne und die in ein Trinkglas geschliffenen Namenszüge evozieren ambivalente Berührungsgebote: Gegenstand der Untersuchung sind Objekte der Erinnerungskultur aus Goethes Sammlung, die sich durch vielschichtige Relationen von Schriftlichkeit und Materialität auszeichnen. Fokussiert werden insbesondere die performativen Eigenschaften sowohl des materiell Gegebenen als auch der assoziierten Texte, die oftmals eine kaum auflösbare Symbiose eingehen und den Objekten agency verleihen. Die dichte Überlieferung ermöglicht einen Blick auf den goethezeitlichen Umgang mit Souvenirs, das gedankliche und tatsächliche Berühren, Anfassen, Gebrauchen, Küssen – wobei die tradierte Dichotomie zwischen Objekt und Subjekt auf eigentümliche Art zu oszillieren beginnt. Während sich die Mehrzahl der Arbeiten zur Erinnerungskultur des 18. bzw. 19. Jahrhunderts auf die Auswertung literarischer Diskurse konzentriert, erschließt dieser Aufsatz sie von ihrer sprichwörtlich greifbaren, ‚objektiven‘ Seite her. Damit leistet er einen Beitrag zum Verständnis einer komplexen Kulturpraxis anhand der Realien ihrer Konkretisierung statt der Ergebnisse ihrer narrativen Überformung.

Veröffentlicht
2019-01-25