Körper und ihre Sinneswahrnehmung gehören zu den Voraussetzungen von Literatur und, Philosophie; die Bestimmung ihrer Funktion zählt zugleich zu einer der schwierigsten und umstrittensten Aufgaben dieser Künste und Disziplinen. Der Komplex um das Berühren, zu dem Haptik, Taktilität und Gefühl, Motorik, Sensorik und Affektivität gleichermaßen gehören, ist in der Körper- und Sinnesgeschichte notorisch von Vernachlässigung bedroht, hat in den Kultur- und Medienwissenschaften aber zuletzt neue Aufmerksamkeit erfahren. Philologische Ansätze befinden sich derzeit noch am Rand dieser Debatten, obwohl ihre Begriffe und Verfahren sogar als besonders ‚berührungsaffin‘ gelten können. Genaue philologische Lektüren bieten die Möglichkeit, das je singuläre Verhältnis von Affektion und Sinnlichkeit und die Bedeutung des Tastsinns im Zusammenspiel mit anderen Sinnen zu erfassen. Philologische Verfahren können das metaphorische Potenzial des Berührens ebenso ausloten wie sein Verhältnis zum ‚Realen‘. Die Beiträge dieses Bandes zur europäischen Literatur, aber auch zur Philosophie von der Antike bis ins späte 20. Jahrhundert untersuchen das Berühren als relationale Figur, in der poetische Gestaltung und Materialität, Bildlichkeit und Buchstäblichkeit, Begreifen und Ergreifen, Anschauung und Affizierung in Beziehung treten. Im Zentrum stehen Fragen nach dem Verhältnis von Gemeinschaft und Individualität, von Literatur und Philosophie sowie nach der Funktion von Ansteckungs- und Distanzierungsverfahren in diesen Zusammenhängen. Dabei geraten gerade auch Wahrnehmungsräume in den Blick, die zumeist unter dem Primat des Visuellen verhandelt wurden. In Re- und Gegenlektüren schlagen die Beiträge eine Ausweitung der Sinnesbezüge vor.

 

Inhalt:

Andrea Erwig (Berlin) und Sandra Fluhrer (Erlangen), Hg.: Berühren. Relationen des Taktilen in Literatur, Philosophie und Theater 

 

Andrea Erwig (Berlin) und Sandra Fluhrer (Erlangen) 
Berühren. Relationen des Taktilen in Literatur, Philosophie und Theater          S. 1

 

Susanne Strätling (Potsdam)
Philologie der Hand          S. 8

 

Johannes Ungelenk (Potsdam)
Berührung berühren – Begreifen verboten. Cheirophobe Philologie in Platons Gastmahl        S. 34

 

Alexander Waszynski (Braunschweig)
Berührbarkeit. Krisen der Distanznahme bei Hans Blumenberg und Jacob Burckhardt          S. 56

 

Maha El Hissy (München)
Die verwitwete Jungfrau, oder: die gespenstische Hand der Restauration. Hebbels Judith          S. 80

 

Sandra Fluhrer (Erlangen)
„Fuß der Leidenschaft“. Vier Abschnitte zur Bodenhaftung des politischen Theaters          S. 96

 

Jakob Gehlen (Berlin)
Zwischen Ergreifen und Berühren. Die Rom-Ankunft des Ich in Goethes Römischen Elegien          S. 124

 

Gudrun Püschel (Erlangen)
Das Berühren der Erinnerung. Praktiken der Erinnerungskultur Goethes          S. 148

Veröffentlicht: 2019-01-26